Paris-Brest-Paris 2019

...eine große Challenge. Die mich neugierig gemacht hat und ich es deshalb einfach mal probiere. Schritt für Schritt...bzw. Kilometer für Kilometer. 

September 2019: Ziel erreicht?

War das Ziel wirklich, die 1230 km von Paris nach Brest und zurück zu fahren? Das hätte die letzten 6 Monate optimal abgerundet, den Quick Start komplett gemacht: mit nur einem halben Jahr Training als junge Frau und Neuling in der Rennrad-Szene bis zur traditionsreichen Königsdisziplin unter den europäischen Brevets - oder nicht? 

Ich bin immer noch überzeugt: 1230 km in weniger als 90 Stunden wären unter anderen Umständen möglich gewesen. Aber irgendwie wäre die Geschichte zu glatt gewesen. Zu perfekt. Mitten aus dem Leben sieht sie so aus:

Wir fünf Kollegen von JobRad teilten uns bereits vorm Start am Sonntag, den 18.08., kurzfristig in zwei Gruppen auf: Ich fuhr mit Alexandros, der froh war, überhaupt dabei sein zu können, weil er gesundheitlich angeschlagen war. Wir gingen es sehr langsam an, ließen beim Startschuss erstmal die Masse der ca. 300 MitstreiterInnen in unserem Startblock davonziehen. Und schon ging's los: Wir lernten einen Randonneur nach dem anderen kennen, fuhren gemeinsam eine Strecke, erzählten uns einen Schwank aus unserem Leben, lachten miteinander. Meistens führte ein kurzer Stopp am Straßenrand dazu, dass man sich wieder aufteilte. Teilweise sahen wir uns nie wieder. Ob aus den USA, Brasilien, Japan, Australien, Thailand, Malaysia, Schweden, Griechenland, oder den Philippinen: Die halbe Welt traf sich in diesen Tagen auf den Straßen von Paris nach Brest. 

Genau das macht die besondere Atmosphäre von PBP auch aus. Nicht zu vergessen: Die freiwilligen HelferInnen, die am Straßenrand standen, Snacks, Kuchen, Crêpes und Getränke vor ihrer Haustür oder auch mitten im Nichts umsonst anboten. Kinder, die mit uns im Vorbeifahren einschlagen wollten, aus Autofenstern heraus jubelten und aplaudierten. Menschen, die für uns im Regen standen, um uns zu motivieren (einmal kamen wir in einen Regenschauer, ansonsten hatten wir sehr viel Glück mit dem Wetter). Ein Mädchen im Teenageralter hatte mit ihrem Vater eine große Lautsprecherbox vor die Haustür gestellt, es lief ein Lied aus den französischen Charts, sie sang laut mit und tanzte animierend, als wir gerade vorbei fuhren. 
Für die Einheimischen, die entlang der Strecke wohnen, hat dieses 4-jährliche Ereignis eine lange Tradition. Das kann man kaum beschreiben, ich war völlig überwältigt. 


All die Pausen und auch das langsame Tempo zu Beginn führten dazu, dass wir langsam in Summe in zeitlichen Verzug gerieten, denn bei jeder Kontrollstation (ca. alle 70 bis 100 km) mussten wir in einem bestimmten Zeitrahmen eintreffen.
Ich erkläre mir das so: Fährt man am Anfang schnell, kann man länger in Gruppe fahren und gewinnt dadurch im Windschatten enorm viel Zeit. An Tag 2 fuhren wir zudem den ganzen Tag im Gegenwind. 
Die Individualisten-Fahrer reihten sich hier in einer langen Kette mit Abstand aneinander. Immer wieder überholten wir die selben Randonneure, die einem mysteriöserweise trotz ihres konstant langsamen Tempos immer wieder begegneten, nachdem sie uns während einer unserer Pausen überholt hatten (Schlaf und sonstige Pausen brauchten sie anscheinend nicht). 

Zeitlich eng wurde es erst, als wir in der zweiten Nacht dringend Schlaf brauchten. In einer riesigen Turnhalle in Loudéac versuchte ich auf einem der vielen aneinander gereihten Feldbetten auszuruhen (nachdem wir in der ersten Nacht nur eine halbe Stunde in einer Kirche geschlafen hatten). 
Völlig durchgefroren mussten wir uns nun erstmal noch bei einem kurzen Frühstück aufwärmen, um anschließend einen 3,5-stündiger Sprint hinzulegen, der uns im Zeitlimit nach Carhaix bringen sollte. Jetzt kam es auf jede Minute an. Wir preschten im Morgengrauen an unseren MitstreiterInnen vorbei, überall feuchter Nebel, wir sahen kaum weiter als ein paar Meter. 
Ohne meine Uhr, auf der ich unseren Schnitt pro Stunde genau sehen konnte, hätte ich das Zeitgefühl verloren. Die Viertelstunden verflogen gefühlt im Minutentakt. Um kurz vor halb 9 trafen wir mit fantastischen 20 Minuten Zeitpuffer in Carhaix ein. Es war eine ganz besondere Erfolgsetappe - und gleichzeitig die letzte, die wir im Zeitrahmen von Paris-Brest-Paris fahren wollten. Weiterer exzessive Schlafmangel und eine Fahrt am Zeitlimit waren keine schöne Perspektive. Klar, bei PBP geht es auch nicht um eine schöne Perspektive, aber um Taktik und Erfahrung. Auch Erfahrung mit Schlafmangel und Sekundenschlaf. Aus all den Gesprächen mit erfahrenen Randonneuren und auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung während dieser Fahrt habe ich unglaublich viel gelernt und weiß nun noch genauer, an welchen Schrauben man noch drehen kann, um effizienter und mit möglichst langen Schlafpausen Paris in unter 90 Stunden zu erreichen. 
Bis Brest sind wir dann noch entspannt gefahren, ohne Zeitdruck. 


Mein Ziel war es, bis nach Paris zu kommen, um an Paris-Brest-Paris teilzunehmen. Gemeinsam mit all den anderen FahrerInnen aus aller Welt dieses Spektakel zu erleben, wirklich zu erleben und nicht vor lauter Fokus aufs schnelle Fahren an mir vorbei ziehen zu lassen. Ich wollte andere Menschen, vor allem Frauen, mit meiner Begeisterung fürs Rennrad fahren anstecken, aber vor allem ermutigen, sich hohe Ziele zu setzen und sich viel zuzutrauen - egal was. Auf dieser Fahrt musste ich mir aber auch eingestehen, dass die Umstände eine große Rolle spielen, ob man diese hochgesteckten Ziele auf Anhieb erreicht. Und dass es manchmal auch mehrere Anläufe geben darf. Das sollte einen ermutigen, nicht enttäuschen. 

So viele von euch haben mitgefiebert, mich unterstützt, mir von ihren neuen Ideen, Plänen und Träumen erzählt, die entweder schon angegangen oder gerade noch durchdacht werden. Dahingehend: Ziel erreicht. Paris-Brest-Paris kann auch 2023 noch komplett gefahren werden. ;-) 

DANKE für eure Unterstützung. ❤️
Alexandros, dir danke ich nicht nur für diese Fahrt, sondern für so vieles. Du hast in mir überhaupt erst den Brevetgeist geweckt. Jetzt geht's erst richtig los!

Jonas, Tobi und Volker und allen anderen Finishern, die es zurück bis nach Paris geschafft haben: Gratulation für diese Spitzenleistung!

17.8.2019: Morgen geht's los! 

1230 km in unter 90 Stunden. Das Brevet-Fieber hat uns, vier JobRad-Kollegen, mich und ca. 7000 andere Rennrad-Randonneure weltweit, nach den Qualifikationsbrevets bis nach Paris gebracht. 200, 300, 400 und 600 km mussten wir dafür 2019 in einem vorgebenen Zeitlimit fahren (min. 15 km/h inkl. Pausen) und dabei an ausgewählten Stationen Stempel in unseren Stempelkarten sammeln. Das ist das Prinzip eines Brevet.

"Warum tut man sich sowas an?" 
Diese Frage hört man in der Vorbereitungszeit ständig. Mal schwingt völliges Unverständnis mit, mal großes Staunen und Bewunderung, von beiden Seiten hört man: "Ihr seid verrückt!" Ja, vielleicht muss man tatsächlich ein bisschen verrückt sein, um so etwas durchzuziehen. Wenn man immer nur vernünftig gehandelt hätte (sich von kalten Temperaturen, Regenschauern, glatten Straßen, langen Phasen des Wachseins usw. hätte aufhalten lassen) und sich an seine vermeintlichen Grenzen gehalten hätte... man wäre wohl nicht bis nach Paris gekommen.

Training ist das eine, aber was für solche Langstrecken besonders zählt, sind Biss, Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und im besten Fall auch viel Freude an der Natur, am Radeln, an den kleinen "Geschenken" auf dem Weg, die einem den nötigen Motivationsschub auf dem Weg geben: Kirschblüten, Gebirgsketten, bewältigte Höhenmeter, Pain au chocolat, Vogelgezwitscher im Wald oder einfach nur der Sternenhimmel in der tiefschwarzen Nacht. Die Liste könnte endlos fortgeführt werden. 

Brevets zu fahren ist für mich Freiheit pur, Leben pur, anstrengend und erholsam, immer im Wechsel. Das besondere: Es ist herausfordernd und doch kein Wettkampf. Randonneure (so nennt man Langstrecken-Radfahrer) sind zwar aus meiner Sicht oft sehr spezielle Typen, Individualisten, manchmal auch ein bisschen eigen, aber was sie auch ausmacht ist: Sie fahren nicht gegeneinander, sondern miteinander. Man hilft sich gegenseitig bei Schwierigkeiten auf dem Weg, ist ansprechbar und offen gegenüber noch unbekannten MitstreiterInnen und lässt sich auch unbekannterweise im Windschatten fahren. Das macht den Brevet-Spirit für mich persönlich aus. 
Paris-Brest-Paris wird dahingehend vermutlich das Non Plus Ultra. 
Hinzu kommen die vielen Menschen am Straßenrand, die dich rund um die Uhr motivieren, "Courage, courage!" rufen und dir womöglich noch einen Café crème oder Crêpe auf die Hand anbieten - so die Erzählungen von RadkollegInnen, die bereits PBP gefahren sind. 
Ich bin mir sicher, dass dieses Umfeld nicht nur Kräfte mobilisiert, von denen du nicht geblaubt hättest, dass du diese Reserven noch hast. Bei über 7000 FahrerInnen aus über 70 Ländern ermöglicht es natürlich auch die Aussicht, dass du selten alleine unterwegs sein wirst - auch, wenn du nicht in einem festen Team fährst. 

Darauf möchte ich mich einlassen. Mir die Freiheit schenken, mein Tempo zu fahren, meiner Intuition zu folgen, auf meinen Körper zu hören und dann zu sehen, was passiert: Wer mir begegnen wird, wer ein Wegbegleiter wird, wen ich ziehen lassen muss, wem ich helfen werde, wer mir in der Not zur Seite stehen wird,...es wird eine Fahrt in Gemeinschaft, aber eventuell abschnittweise auch eine meditative Alleinfahrt... 

Heute regnet es schon den ganzen Tag regnerisch und Gegenwind bis zu 50 km/h sind auch vorhergesagt. Lieber Wettergott, da geht noch was. Wir werden gleich die Räder zur offiziellen Abnahme in Rambouillet bringen. Dort starten wir morgen Abend um 20:45 Uhr, 35 km südwestlich von Paris in die Nacht. 

Bis dahin heißt es: Energiesparmodus an, gesund bleiben und schlafen, schlafen, schlafen.
Allen MitstreiterInnen wünsche ich ganz viel Spaß, bonne route et: Safety first! 

Allez-y, à Paris ! 

16. August, 6:22 Uhr: Nun ist es soweit. Ich sitze tatsächlich im Zug nach Paris, um an Europas beliebtesten Brevet teilzunehmen: Paris-Brest-Paris. Die erste Challenge erwartete mich schon heute morgen: Nachdem ich meinen Bus zum Bahnhof verpasst hatte und ein Taxi rufen wollte, war keines verfügbar. Da half nur noch trampen. Für die Frühaufsteher in meiner Straße war Anhalten und Gesellschaft um 5:45 Uhr morgens allerdings keine Option.
 Mein Held des Tages war letztendlich ein Typ Mitte dreißig, den ich beim Ausparken überzeugen konnte, mich mitzunehmen. Glück gehabt!

Mit dem Zug nach Paris zu kommen ist mit dem Fahrrad im Schlepptau gar nicht so einfach. Mittlerweile darf man sein Rad leider nur noch in französischen Regionalzügen mitnehmen. Drei Räder pro Zug sind erlaubt. Oder man packt es in eine 90x120 cm kleine Radtasche, dann ist es auch in einem Schnellzug gestattet. 

Meine rote Mary, das Rennrad, mit dem ich PBP fahren möchte, hat glücklicherweise noch Platz im Auto einer der JobRad-Kollegen gefunden, die sich auch für Paris-Brest-Paris qualifiziert haben. Zu fünft werden wir starten und dann mal schauen, was die Strecke und die eigenen Kräfte so bringen. Das war für mich persönlich die größte Frage im Vorhinein: Wie möchte ich fahren? Zusammen? Alleine? Dazu später mehr. 

Auf der Zufahrt habe ich durchgehend geschlafen. Schlaf ist in der Woche vor PBP vermutlich das allerwichtigste. Dank Direktzug von Freiburg nach Paris war das kein Problem. Mein Highlight im Halbschlaf: Eine 5-Jährige, die zu ihrer Mutter sagte: "Hier müssen wir noch nicht aussteigen, oder? Hier ist ja nur eine Fussballfabrik." "Ja, Schatz, ein Fußballplatz."
 Und bei der Einfahrt nach Paris: "Bitte aufpassen, Mama, hier kannst du auch entführt werden."

Et voilà, da sind wir, schöne capitale de France ! 9:35 Uhr, Ankunft am Gare de l'Est. Bonjour, Paris ! Jetzt gibt's erstmal un grand café crème.

Am Sonntag um 20:45 Uhr geht's los. Wenn ihr unsere Strecke live verfolgen möchtet, könnt ihr das z. B. hier: https://track.rtrt.me/e/PBP-2019#/tracker/RT9YSBDN/focus


Brevet-Saison 2019

Juni 2019: 600 km durchs Jura - endlich Sonne!

Ich kann es immer noch nicht so ganz fassen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Innerhalb von vier Monaten haben wir, trotz widrigster Wetterbedingungen, alle Brevets erradelt, die wir für Paris-Brest-Paris 2019 brauchen. Ich habe daran von Anfang an geglaubt, ja, dafür gekämpft, geschwitzt, gefroren und immer wieder Herausforderungen angenommen und bewältigt. Und gleichzeitig weiß man nie, was kommt. Ob die Gesundheit mitspielt, das Rad mitmacht, ein Unfall oder eine Verletzung einen während der Fahrt ausbremst - you never know.
Von daher bin ich so unglaublich dankbar für diese einzigartige Erfahrung, an der wir über uns hinauswachsen durften. Und so viel Zeit in der Natur verbringen konnten. An blühenden Obstbäumen, gelben Rapsfeldern und Klatschmohn am Straßenrand, moosbewachsenen Laubbaum-Wäldern im Jura und Tannenwäldern im Schwarzwald, in denen der Nebel hängt, an Pferden, Kühen, Rehen und über mir kreisenden Raubvögeln: daran werde ich mich niemals satt sehen können. Und dafür nehme ich auch gerne die Strapazen auf mich, die so lange Fahrten mit sich bringen. Die Mühe hat sich definitiv gelohnt.

Von vorne: Eine Woche vor dem Start des 600er Brevets hatte ich noch einmal einige Hürden zu nehmen: Vom Platten, neuen Reifen über ein kaputtes Schaltauge, einen Wackelkontakt in der Radbeleuchtung, ein erneut nicht einwandfrei funktionierendes Navi, bis hin zur Wahl einer geeigneten Radhose war alles vertreten.
Das Navi konnte ich leider bis zum Startschuss nicht richtig einstellen (obwohl ich kurz zuvor das Problem über einen Kollegen, der erfahrener Langstreckenfahrer ist, herausgefunden habe: ab ca. 300 km sollte man Tracks in mehrere gpx-Dateien unterteilen, sonst kann es sein, dass die Navigation nicht vollständig angezeigt wird, in meinem Fall die Abzweigungen nicht angekündigt werden). Alle anderen Problemchen waren bis zum Morgen des 8. Juni beseitigt und es konnte losgehen. Tobi, Jonas und ich waren bereit für 607 km, ca. 7900 Höhenmeter (laut Gpsies), endlose Abfahrten voller Freiheitsgefühle, die atemberaubende Aussicht auf 1285 m bei Vue des Alpes und auf 1270 m bei Le Sentier, 2x Bergpanorama (1x Alpen, 1x Schwarzwald auf dem Rückweg), 3 volle Tüten Nüsse/Schoki/Trockenfrüchte/Gummibärchen-Mix, 2x warmes Essen (pasta e basta), literweise Cola, Brunnenwasser und Frubiase. Wir waren bereit für eine lange Fahrt, die 40 Stunden nicht übersteigen durfte, wenig Schlaf und ggf. eintretende Halluzinationen. Und auch voller Vertrauen, irgendwo auf dem Weg eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Dank der drei Ausfahrten in der Woche vorab fühlte ich mich sogar sehr gut vorbereitet und war einfach voller Vorfreude und glücklich über die gute Wettervorhersage, die immerhin am ersten Tag nur Sonnenschein und milde Temperaturen ankündigte.

Die erste Etappe fuhren wir in einem sehr flotten Tempo mit ca. 30-40 MitstreiterInnen in Gruppe, um möglichst schnell und mit viel Windschatten weit zu kommen. Dabei fielen wir in unterschiedliche Gruppen auseinander und es zeichnete sich bereits jetzt ab, dass es gar nicht so leicht sein würde, immer zusammen zu fahren - 600 km lang. Nicht jeder hat zum gleichen Zeitpunkt gleich viel Power, nicht jeder hat den gleichen Fahrstil und teilt sich seine Energie gleich ein, kurzum: Es ist eine große Leistung, zu dritt zu harmonieren und sich auf eine gemeinsame Fahrt einlassen. Mein bisheriger Eindruck ist, dass die meisten bei Brevets eigenständig ihren Rhythmus verfolgen, sich bei passender Gelegenheit einer Gruppe anschließen und sie wieder ziehen lassen, wenn es alleine besser geht und so weiter und so fort.
Ich bin schon ein bisschen stolz darauf, dass es uns auch beim 600er gelungen ist und betrachte es nicht als eine Selbstverständlichkeit. Denn den meisten Spaß, die größte Motivation und den ausgiebigsten Windschatten hat man natürlich im Team.

Meine persönlichen Highlights in chronologischer Reihenfolge:

- das schnelle Fahren am Anfang in großer Formation
- als ich voller Übermut los spurtete und Tobi plötzlich angeschossen kam, „Vamos!“ rief und mich im Windschatten ca. fünf Minuten im Vollgas-Sprint an das Ende des ersten Pulks zog, nachdem sich besagte Gruppe in zwei geteilt hatte
- als ich bei einer französischen Familie freundlicherweise auf ihrem Bauernhof einkehren durfte, um etwas zu trinken und ihre Toilette zu benutzen und mir drei wuschelige, kleine, kläffende Hunde hinterherliefen und mich als Eindringling aus ihrem Zuhause vertreiben wollten (ich hatte nicht vor zu bleiben)
- in der Mittagspause vorm Coop, in der wir eine wilde Mischung an Essen &Trinken eingekauft und aufgetischt hatten und ich Tobi zum krönenden Abschluss eine Kaffeedusche verpasst habe, denn Coffee to go muss man schütteln, bevor man ihn trinkt (lieber noch frisch verschlossen...)
- der unerwartete Blick in die Weite auf die verschneite Bergkette der Alpen auf dem Gipfel und die gesperrte Tobbogan-Rutsche bei Vue des Alpes, auf der ich die Rutschfähigkeit meiner Radhose getestet habe - einigermaßen erfolgreich
- als wir, nachdem wir um 22 Uhr des ersten Abends in der einzigen Pizzeria weit und breit einkehren wollten und die Küche bereits geschlossen hatte, wir nebenan noch ein weiteres Restaurant entdeckten und vollumfänglich mit warmen Kohlenhydraten und doppelten Espressi versorgt wurden
- der Blick auf den Lac du Joux bei Nacht, nur beleuchtet durch den Mondschein und die alten verschnörkelten Straßenlaternen am Ufer
- die verwirrten Blicke von Kühen, wenn wir mitten in der Nacht an ihren Weiden vorbei rauschten
- ein im Stehen schlafendes Pferd, das völlig regungslos blieb, als wir es trotz quietschender Bremsscheiben bei einer Abfahrt in einer Serpentine ansteuerten
- als frühmorgens eine Hütte im Wald am Wegesrand aus dem Nichts auftauchte ( und ein Schlüssel steckte!), nachdem ich uns einen Moment zuvor eine Schlafmöglichkeit angekündigt hatte, die sich uns gleich zeigen würde (leider haben wir die Tür nicht öffnen können)
- als wir letztendlich im Morgengrauen für eine Stunde in einer Kirche schliefen, die Jungs auf den Kirchbänken und ich auf dem Boden, direkt vor der Gebetsbank
- die ca. 6-jährige, wohlerzogene Französin, die uns am Morgen überaus höflich den Weg zur nächstgelegenen Bäckerei erklärte und uns weiterhin eine gute Fahrt und einen schönen Tag wünschte (es lebe die französische Erziehung!), nachdem wir schon über eine Stunde vergeblich auf dem Weg nach einer gesucht hatten (leider befand sich diese in der falschen Richtung, sodass wir uns nochmals eine halbe Stunde gedulden mussten, bis wir in Ornans Baguette, Pain au Chocolat, Himbeertörtchen und Eclair am Flussufer genießen durften)
- die letzte ordentliche Steigung im Sprühregen und ein Wanderer, der mir dort kurz vorm Gipfel nachrief: „Mais tu es comme une tempête!“ („Na du bist ja mal ein Wirbelsturm!“)
- als bei der darauffolgenden langen Abfahrt durch den Wald das Bauchgefühl stimmte, als wir uns eine Einkehrmöglichkeit herbei gesehnt hatten und prompt eine Gaststätte in der nächsten Kurve lag (Cola für alle!)
- als unsere Trinkflaschen von einem hilfsbereiten Mann aufgefüllt wurden, nachdem wir ihn über seinen Gartnezaun angesprochen hatten
- ein Eisvogel am Rheinufer - strahlend blau im Schilf saß er
- als wir uns auf den letzten 50 km im strömenden Regen einen Brevetsong (in Anlehnung an den Fußballsong „Allee, Allee,...eine Straße, viele Bäume usw.) überlegten und uns völlig überdreht eine halbe Stunde lang kreative, sich reimende Zweizeiler-Strophen ausdachten (Beispiel: Brevet, Brevet, bei Eis, bei Sturm, bei Schnee. 600 km, viele Bekloppte, ja das ist unser Brevet)
- der herzliche Empfang und Applaus im Ziel

Was lief so richtig gut?
- die Radhose hat ihren Zweck bis zum letzten Kilometer  nicht verfehlt
- die Ausdauer am Berg war besser denn je, so kann es bleiben :-)
- die Stunde Schlaf wirkte tatsächlich Wunder. Auch wenn es sich unglaubwürdig anhört, wenn man es nicht selbst erlebt hat

Drei Dinge, die ich fürs nächste Mal gelernt habe:
- Tracks werden zukünftig bei Langstrecken in mehrere Dateien unterteilt, sodass die Navigation auch Abzweigungen anzeigen kann.
- Eine dünne Schicht Wechselklamotten macht Sinn.
- Genaues Abstimmen vorab in der Gruppe, welche Strategie verfolgt wird, z.B. wie man sich die Kräfte einteilen möchte und welche Regeln man gemeinsam vereinbaren möchte, z.B.: "Wenn die Gruppe sich aufteilt, warten wir an der nächsten Kontrolle aufeinander."

DANKE an
- Tobi und Jonas für die wunderbare Begleitung und Unterstützung 
- meine Eltern für den Freigeist, den sie mir von klein auf mitgegeben haben und für das Vertrauen in mich, ich gebe mir alle Mühe, immer wieder heil ins Ziel zu kommen ;-)
- meinen Arbeitgeber JobRad, dank dem ich zum einen in einem Umfeld von leidenschaftlichen RadfahrerInnen auf so eine anfangs so verrückt scheinende Idee gekommen bin und zum anderen ein JobRad fahren darf, bei dem ich dank des hohen Arbeitgeberzuschusses keinerlei Einschränkungen bei der Wahl meines Wunschrads hatte
- BIKESportWorld für die Unterstützung, auch immer wieder kurzfristig vor den Brevets!

Mai 2019: 400 km im Starkregen durch den Schwarzwald

Bodensee-Brevet. Hört sich erstmal ganz harmlos an, nach Ebene, Urlaub, See, ein bisschen Schweiz, ein bisschen Deutschland. Die Ausfahrt ging auch ganz ordentlich los: Nachdem wir drei Jobrad-Kollegen, Tobi, Jonas und ich, noch in Gruppe den Thurner und ein paar weitere Höhenmeter Richtung Rheinfall in Schaffhausen überwunden hatten, ging es in hohem Tempo - mittlerweile nur noch zu dritt - bergab und mit Sonne und Seeblick nach Konstanz.
Nach 150 km schlich sich schon mal kurz der Gedanke ein: "Einfach nur nach Konstanz fahren würde doch auch reichen, oder?" Konstanz stand für uns für Pause und Pizza, unsere einzige warme Mahlzeit auf der gesamten Fahrt. Dessert gab es on the way: Eine Schale Erdbeeren frisch vom Feld, die wir uns mit zwei weiteren Mitstreitern teilten. Wir ahnten schon, nach überproportional häufigen Wetterbericht-Checks im Vorhinein: In der Gegend um Beuron wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen 19 Uhr gewittern. Punkt halb 7 brodelte der Himmel, die Vögel kreisten über uns und wir wussten: Halten, Regensachen an und weiter geht's. Der Hagel hat uns dann allerdings doch bei nächster Gelegenheit zum Absteigen und Unterstellen gebracht.
Ich erinnere mich, nach dem Schauer noch gedacht zu haben: "Für das kleine Gewitter habe ich jetzt all meine Regenkleidung eingepackt?" Die nächsten Stunden über konnten wir allerdings nur froh sein, so gut ausgestattet gewesen zu sein. Während wir dachten, der gröbste Regen sei geschafft, hatten wir noch genug Muße und Zeit, uns in Beuron bei unserer nächsten Stempelstation mit Himbeertorte und Kaffee zu vergnügen. Der Dauerregen - kein Tröpfelregen, nein, Starkregen - setzte schlagartig gegen 21 Uhr ein und sorgte für Sichtprobleme, nasse Füße und irgendwann auch einen kalten Körper... Um 23 Uhr stand die Weiterfahrt tatsächlich auf der Kippe. Normalerweise navigierte ich, nun übernahmen Jonas und Tobi plötzlich die Führung und lotsten mich ins nächstgelegene MC Donalds, um einen Plan zu schmieden, wie wir nach Hause kommen könnten. Es war einfach zu gefährlich, mit Rennradreifen auf halb überschwemmten Straßen zu fahren. Mein Plan sah allerdings anders aus: Die zwei zu überzeugen, dass es immer noch möglich war, das hier zu Ende zu bringen. Nach anderthalb Stunden Tee trinken, Energie tanken (durch Ausruhen, Pommes, diverse Nussmischungen, Hamburger und meine Lieblingskombination aus Schokolade und getrockneten Mangos), Wetterberichte vergleichen, Pfützen im ganzen MC Donalds hinterlassen, Kleidung föhnen unter stinkenden Handtrocknern und der Einsicht, dass die nächsten Freunde, bei denen wir unter kommen könnten, zu weit weg wohnen und die Bahn erst um halb 6 morgens fahren würde, trafen wir aufgrund der Alternativlosigkeit die Entscheidung: Weiter geht's. In die dunkle Nacht, in der uns der Regen immer wieder ein treuer Begleiter sein sollte. Unsere Navigation basierte von Balingen bis Freudenstadt auf einer manuell eingestellten Routenberechnung auf Tobis Garmin und auf meinem Handy, da meine Garmin-Uhr mit der offiziellen Strecke mittlerweile keinen Akku mehr hatte. Wir gerieten dadurch leider in eine Straßensperrung, weshalb uns ein Umweg inkl. einem Schwung Höhenmetern nicht erspart blieben. Auch Feldwege voller Schotter...weiterhin im Regen. Die mentale Stärke und das innerliche Ruhe bewahren wurden dadurch weiterhin kräftig trainiert, vielmehr Vorteile konnte man darin wirklich nicht erkennen. Doch, ein Wildschwein lief uns dadurch noch über den Weg. Glücklicherweise kamen wir ohne Platten davon und erreichten die fünfte Kontrollstelle an der AVIA Tankstelle in Freudenstadt gegen 4 Uhr morgens. Nun war erstmal Regeneration angesagt. Von Brezel, Cola, Energy Drinks, Kaffee bishin zur omnipräsenten Nussmischung war alles vertreten. Wir hingen in den Sesseln, waren sprachlos über die morgentlichen Gäste, die nach ihrer Clubnacht lieber an der Tankstelle auskaterten anstatt ins Bett zu gehen. Betten sind einfach was Schönes. Wir gönnten uns einen wohlverdienten 20-minütigen Power Nap im Sitzen. Morgen dann wieder im Liegen. Ich war sehr überrascht darüber, wie gut diese kurze Schlafeinheit wirkte. Wahrscheinlich lag es auch am Zeitpunkt: Unser Wecker klingelte pünktlich zum Sonnenaufgang, dann ging es weiter. Regen, juhu, wir kommen! Jetzt sogar wieder mit aufgeladener Uhr, sprich: sicherer Streckenführung. Noch 100 km bis Freiburg. Diese magische Marke, 100 Kilometer vor dem Ziel - egal welche Distanz man insgesamt zurücklegt - verleiht einem eine Extraportion Energie und Motivation. Das Ziel wird greifbarer, ein schönes Gefühl. Einher ging dieses Gefühl mit einer sagenhaften Abfahrt durch sattgrüne, moosbewachsene Tannenwälder, in denen Nebelschwaden und Vogelgesänge die frische Morgenluft erfüllten.
Genau für solche Momente nimmt man die Strapazen auf sich. Ich liebe solche Abfahrten, aber auch die Steigung kurz vorm Ziel, bei der man sich nochmal richtig beweisen kann, dass man sich von nichts mehr aufhalten lässt: Vorm ominösen Landwassereck zwischen Gutach und Elzach wurden wir schon gewarnt, doch jeder macht eben seine eigene Erfahrung: Wir empfanden die auf 4 km Länge teilweise 18 prozentige Steigung nicht als Quälerei kurz vor Schluss, sondern als eine knackige Herausforderung, der wir nach dieser Fahrt definitiv gewachsen waren und die wir meditativ und jeder für sich in ordentlichem Tempo meisterten. Vorab hatten wir unseren Energiespeicher nochmals etwas aufgetankt, auch, um der leicht durchkommenden Müdigkeit entgegen zu wirken: In Wolfach hielten wir beim Bäcker und teilten uns eine Tube Gel - immer gut vor so einer mächtigen Steigung. Nun war es wirklich fast geschafft: Ab durch das Elztal Richtung Waldkirch und dann immer gerade aus. Nach 26,5 Stunden waren der letzte Stempel in unseren Homologationsheftchen und wir völlig emotional überwältigt von diesem Erlebnis.
Vielen Dank für diesen wiederholt fabelhaften Teamspirit und ein Brevet, während dem wir u. a. viel über männliche und weibliche Qualitäten gelernt haben und wie wunderbar wir uns ergänzen.

Typisch männliche Qualitäten sind für mich
- Ruhe bewahren zu können, auch wenn man sich z.B. zum X-ten Mal verfährt und
- strategisch kluge Entscheidungen treffen zu können und nach alternativen Lösungen Ausschau zu halten.

Typisch weibliche Qualitäten sind für mich 
- eine hohe Schmerzresistenz und Strapazierfähigkeit sowie
- eine starke Verbundenheit zur eigenen Intuition und Feinfühligkeit, z.B. einen aufziehenden Regen durch die Signale der Natur deuten zu können.

Das soll nicht heißen, Männer und Frauen verkörpern jeweils nur die einen oder anderen Qualitäten. Jeder Mensch trägt beide zu unterschiedlichen Anteilen in sich und hat es selbst in der Hand, diese weiterzuentwickeln. Aber gerade Frauen unterschätzen häufig, wie viel Kraft in ihnen steckt und würden Schmerzresistenz und Strapazierfähigkeit vermutlich häufig eher Männern zuschreiben. Deshalb kann ich alle Menschen nur ermutigen, die sich so eine Herausforderung - unabhängig vom Rennrad-Fahren - nicht zutrauen würden: 
Deine volle Kraft entfaltet sich erst, wenn du dir selbst in kleinen Schritten immer wieder eine neue Perspektive schaffst und genau weißt, wofür du etwas erreichen möchtest. Umso mehr man sich und seinem Körper zutraut, desto mehr kommt das Potenzial, das da ist, zum Tragen. Löse deine eigenen Begrenzungen auf. Vertraue in dich, deine Intuition, das Gute und dein Team. 

P. S. Fürs nächste Mal gelernt habe ich, dass ich eine kurzbeinige Radhose mit festerem Sitzpolster brauche. Die bei dem Brevet getragene Hose hatte ich bisher nur bis 200 km getestet, nun bin ich schlauer... 

Vorbereitung & Vorfreude

Februar 2019.

Ein passendes  Langstrecken-Rennrad muss her - ein Jobrad!


 Ich arbeite bei JobRad, von daher ließ das erste geleaste Dienstrad 2017 nicht lange auf sich warten. Damals wusste ich noch nichts von Brevets und Co., deshalb hatte ich mich für die Vintage-Augenweide Bianchi L'Eroica im typischen celeste entschieden. Wunderschön, aber eher untauglich für so lange Strecken.
Um an Paris-Brest-Paris teilnehmen zu dürfen, muss man sich durch das Absolvieren von Homologationen qualifizieren. Was ist dafür zu tun? Man muss an offiziellen Brevets (jeweils ein Brevet mit einer Länge von 200 km, 300 km, 400 km und 600 km) teilnehmen und auf der Strecke Homologations-Stempel einsammeln. Für dieses Vorhaben musste ein genau auf meine Körpermaße abgestimmtes Rad her, mit Scheibenbremsen, am besten ein leichtes, windschnittiges mit Langstrecken-tauglicher Beleuchtung. So kam ich zu Jobrad Nr. 2, einem roten Flitzer von Wilier - das Cento10 NDR, ein Traum von Rad. BikeSportWorld führt nicht nur eine tolle Auswahl italienischer Rennräder von Wilier und Bianchi, sondern hat mich auch ausführlich beraten, was die Ausstattung meines Jobrads für diese langen Distanzen angeht, dazu werde ich zu einem späteren Zeitpunkt einmal ausführlicher berichten. Jetzt fühle ich mich auf jeden Fall schon mal sehr gut ausgerüstet und lege los mit den ersten herausfordernden Brevets. 

P.S. Selbst wenn ich alle Homologationen bekommen sollte, ist mir kein Platz bei PBP 2019 sicher, denn der Radboom macht sich auch bei dieser vierjährlichen Veranstaltung bemerkbar: Dieses Jahr ist so viel Andrang wie noch nie, aber ich versuche mein Glück - und wenn es nicht klappen sollte, findet sich eben eine vergleichbare Alternative.

Januar 2019. 

Interrail-Radreise durch Italien


Anfang des Jahres hat es mich für mein erstes Radtraining 2019 nach Italien gezogen. Mit dem Zug bin ich inklusive Rad per Interrail nach Venedig gefahren. Von dort aus ging es nach drei Fähren bis nach Chioggia in einer Etappe über 150 km im feuchten Vollnebel bei maximal 7 Grad nach Ravenna. Ein abenteuerlicher Auftakt, der zwar durchgefrohren in der Dunkelheit endete, aber unglaublich schöne Abschnitte entlang des Flusses Po beinhaltete, an dem mir Herden von Hirschkühen und ein Hirsch in der Dämmerung begegneten... und die Italiener! Ein Highlight für sich, herzlich, aufgeschlossen, authentisch. Mein Tipp: Setze dich bei deinem nächsten Italientrip mal alleine in eine piccolo bar, die nach Stammcafé aussieht. Sei offen für die Gespräche, die sich automatisch mit deinen SitznachbarInnen ergeben - auch, wenn du kein Italienisch sprichst. Ich bin fast eine ganze Stunde mit Laura, Luigi und Francesco versackt, die mich am Ende heimlich jeweils auf den Mega Cappuccino, Toast und das kleine feine Dolci eingeladen hatten. Que bella Italia, was für eine Gastfreundschaft! Von Ravenna ging es am nächsten Tag mit dem Zug nach Firenze. Nachdem ich den Silvesterabend zuerst auf dem Rad unter dem toskanischen Sternenhimmel verbracht habe, bin ich bei Matteo und Selena e tutta la famiglia in der Nähe von Reggello untergekommen - ein absolut guter Koch und Airbnb-Host! Von dort aus habe ich Tagestouren unternommen, nach Siena, Arezzo und Firenze. 450 km in 4,5 Tagen -   ein motivierter Start ins neue Jahr! 
Für so einen winterlichen Radtrip solltest du folgendes einpacken:

  • gute Beleuchtung, am besten noch ein Extra-Rücklicht einpacken
  • Stirnlampe
  • Warnweste - sie wird dein treuer Begleiter ;-)
  • Thermo-Radkleidung - mehrere Schichten, die oberste winddicht und möglichst wasserabweisend
  • Buff
  • Thermo-Radhandschuhe bis 0 Grad
  • Merinosocken - ich hatte 2 Paar übereinander an
  • Überschuhe
  • 2 Ersatzschläuche
  • Radpumpe
  • Multitool
  • Flickzeug
  • Sonnenbrille, am besten mit unterschiedlichen Gläsern für tagsüber, Nebel und nachts
  • Minimal-Gepäck, damit du möglichst wenig mit dir rumfahren musst. Ich hatte eine Radtasche am Gepäckträger.


Herbst 2018. 

Die Entscheidung, Brevetfahrerin zu werden und - wenn alles klappt - Paris-Brest-Paris zu fahren.

An meinem 3. Geburtstag habe ich mein erstes Rad geschenkt bekommen. Damals habe ich mir bereits mein erstes "Rad-Ziel" gesteckt: Fahrradfahren lernen innerhalb von einem Tag. Die Stützräder kamen direkt ab. Ja, am Abend konnte ich tatsächlich Radfahren, weil ich es einfach getan habe. Den ganzen Tag bin ich geradelt, hingefallen, wieder aufgestanden, geradelt, hingefallen,...bis ich Radfahren konnte. Ohne darüber nachzudenken, ob das jetzt übermütig, unvorsichtig oder leichtsinnig ist.
 Vor ein paar Monaten habe ich mir wieder so ein Rad-Ziel in den Kopf gesetzt. Paris-Brest-Paris (PBP) im August 2019 mit zu fahren. Die Ambition hat ein Freund in mir geweckt: "An Brevets nehmen meistens Männer Ü50 teil. Wenn du mitfährst, würdest du als 27-jährige Frau definitiv aus der Reihe tanzen." Das hat mich angespornt, es zu versuchen. Nicht nur persönlich, sondern auch als Frau, um im besten Fall andere Frauen mitzureißen und Mut zu machen, sich auf eine große Challenge - welche auch immer - einzulassen. :) 
Mit einer Länge von 1230 km innerhalb von max. 90 Stunden ist es die längste Rad-Ausfahrt Europas, die alle vier Jahre stattfindet. „Rennen“ darf man dazu nicht sagen, da es kein Wettkampf ist, sondern ein Brevet, bei dem eine Kilometeranzahl in einem Zeitrahmen zurückgelegt werden muss und es vor allem um den Spaß am Radfahren geht. Man fährt nicht gegeneinander, sondern miteinander.
 Ich hatte mich in den letzten 24 Jahren, seit meinem 3. Geburtstag, nicht gerade zur Radsportlerin gemausert, das Rad war lange "nur" mein tägliches Fortbewegungsmittel. Erst vor anderthalb Jahren bin ich auf den Geschmack gekommen: Meine erste Rennradtour auf den Azoren. Oh wie war das schön, mit dem Rad eine Insel zu erkunden und wie stolz war ich, 70 km bergauf und bergab an einem Tag gefahren zu sein. Höhenmeter habe ich damals noch keine gezählt.
 Wieder zu Hause in Freiburg angekommen, habe ich in mein erstes (gebrauchtes) Gravelbike investiert und sobald die ersten Frühlingstage lockten, brach das Rennrad-Fieber endgültig bei mir aus. Seitdem habe ich das Gefühl, mein Radius in meiner Heimat hat sich extrem erweitert und ich schätze die Schönheit direkt vor der Haustür umso mehr. 
Nach einem Langstrecken-reichen Sommer mit Fahrten z.B. ins Jura, nach Straßburg und nach Friedrichshafen habe ich mein Herz dann endgültig an die Langstrecke verloren. Sie ermöglicht es, wunderschöne Gegenden zu erkunden und dabei nicht hinter einer Frontscheibe abgeschirmt von der Natur zu sein, sondern mittendrin. ;-)